Single-Abende in Prag: Treffen wie bei guten Freunden – Eine Reportage aus der Goldenen Stadt

„Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen,
Die Liebe aufgegangen.“
Heinrich Heine, 1822

Wer in Prag an einem der über die Moldau gespannten Brücken steht, dem werden so manches Mal diese Zeilen oder zumindest der Sinn daran durch den Kopf gegangen sein; denn Prag eignet sich – genau wie Paris – als Stadt der Liebenden. Doch mit der Liebe ist es in unserer schnelllebigen Zeit recht schwierig geworden. Wer eine Frau oder einen Mann treffen möchte, der surft heute online im Internet, chattet stundenlang und wendet sich irgendwann enttäuscht von Profilen ab, hinter denen oft nicht mehr als nur heiße Luft lauerte, und selbst wenn hinter dem Profil eine reale Person stand, muss man erst nach mühelangen Chatverläufen feststellen, dass das elektronische Gegenüber eigentlich viel zu frustriert ist, um sich zu einem ernsthaften Treffen durchzuringen bzw. beziehungsfähig zu sein scheint.

Amors Auftrag: Klara Le Cornu mit Assistentin Foto: Single in Prague
In Amors Auftrag unterwegs: Klara Le Cornu mit Assistentin
Foto: Jakub Moravek

„Singles in Prague“
Dass dachte sich auch Klara Le Cornu. Die gebürtige Pragerin und Tschechin deren eine elterliche Hälfte Deutsch ist, stellte selbst fest, dass Prag die ideale Stadt ist, um sich zu verlieben. Dieses Glück möchte sie weitergeben und eröffnete kurzerhand eine Facebook-Seite, später eine eigene Webseite mit dem Namen „Singles in Prague“, der ein wenig an einen US-amerikanischen Film schlafloser Verliebter erinnert. Ihre Zielgruppen sind Tschechen und Ausländer über 30 bzw. über 45. „Denn für die Liebe gibt es kein Alter.“ Sagt sie mit einem carmanten Lächeln.

Nettes, ungezwungenes Kennenlerntreffen
Circa zwei mal pro Monat veranstaltet sie seit 2016 an wechselnden Orten, aber immer im Prager Zentrum, einen Kennenlernabend für Singles. Die Abende werden für Tschechen, für Tschechen und Ausländer und auch als reine englischsprachige Abende angeboten. Die Atmosphäre ist elegant, aber ungezwungen. Ich habe sie bei einem dieser Abende begleitet.

Klara Le Cornu mit Pianist. "Ich will, dass sich alle wohlfühlen." Foto: Single in Prague
Klara Le Cornu mit Pianist. „Ich will, dass sich alle wohlfühlen.“
Foto: Singles in Prague/Le Cornu

Ein Café in Prag-Bubeneč
Es ist abends, 19:00 Uhr, im Prager Stadtteil Bubeneč. Ich bin in einem Café – Bistro, unweit der Metro-Haltestelle Hradčanská, ca. 10 bis 15 Minuten vom Wenzelsplatz entfernt. Durch die großen, hohen Glasscheiben kann ich in das hellerleuchtete Innere schauen. Ich bin etwas erleichtert. Es scheint ein gewöhnliches Café zu sein, gewöhnlich, aber gemütlich. Im Internet hatte ich zuvor Fotos von eleganten Restaurants gesehen, die Frack, Smoking und Abendkleid vermuten ließen, aber wer will schon so gekleidet zu einem Kennenlerntreffen gehen? Kurz hinter der Eingangstür steht Klara und begrüßt alle Gäste persönlich, Zeit für einen kleinen Plausch nimmt sie sich dabei auch. Im Hintergrund wird leise Klaviermusik live gespielt. Jeder Gast wird, fast wie bei einer privaten Feier, mit Vornamen persönlich angesprochen. „Hallo Milena! Schön, dass du heute gekommen bist!“ Auch ich werde persönlich begrüßt und erhalte ein farbiges Band, dass mir am Handgelegt angelegt wird. Das Armband ist für ein späteres Kennenlernspiel gedacht. Klara ist elegant, aber nicht zu elegant gekleidet. Sie trägt ein schwarzes, asynchron schwarz-cremefarbend gepunktetes Kleid mit schmaler Taille. Die schwarzen Stiefel hat sie am Eingang gegen elegante Pumps getauscht. Es ist Januar 2017 und draußen liegt das malerische Prag bei minus 15 Grad im tiefen Schnee. „Wer schön sein will muss Leiden.“ denke ich.

„Es gibt keinen Dresscode“
Die anderen Gäste sind recht unterschiedlich gekleidet. Einige Männer haben sich mit Anzug, Krawatte und einem blauen Hemd in Schale geworfen, während andere eher leger mit kariertem Holzfällerhemd und grüner Hose im Outdoorstil daherkommen. Frauen wie Männer sind zwischen Anfang 30 bis Ende 50. Der Kleidungsstil ist altersabhängig. Einige Frauen erscheinen, vielleicht etwas overdressed, im pinken Kostüm, während andere in schwarzen Skinny-Jeans, sportlichen schwarzen Stiefeln und eleganter, blauer Bluse eintreffen. Erlaubt ist, was gefällt und Klara bringt es in einem späteren Interview mir gegenüber auf den Punkt. „Die Leute sollen sich wohlfühlen und authentisch in ihrer Kleidung rüberkommen. Es gibt keinen Dresscode!“

Alle sitzen zusammen und unterhalten sich – keine Cliquenbildung!
Alle Gäste erhalten ein Willkommensgetränk nach Wahl. Schnell sind die ersten Kontakte hergestellt. Zu meiner Verwunderung begrüßen sich die Gäste gegenseitig per Handschlag und stellen sich mit Visitenkarten vor. Gut! Das ist in Tschechien in der Tat anders, als in Deutschland. Selbst die Männer begrüßen sich gegenseitig und auch die Frauen untereinander. Keine Spur von Platzhirschschaft oder Ellenbogengesellschaft, wie es in Deutschland üblich ist. Zwei Männer unterhalten sich sogar angeregt über Webseitengestaltung und PHP-Programmierung, während zwei Frauen daneben Schminktipps austauschen. Doch bevor alle vergessen, warum sie überhaupt gekommen sind, schlägt Klara mit dem Löffel drei Mal an ihr Glas. Wir sollen nun einen Partner finden, dessen Armband die gleiche Farbe hat, wie das eigene. Eine sportliche Frau kommt auf mich zu. Sie ist in schwarzen, engen Jeans, einem schwarzen Sweatshirt und einer schwarzen Lederjacke gekleidet. Ihre schwarzen Haare sind glatt und schulterlang. Kein offizielles Abendoutfit! Später erfahre ich, dass sie die Besitzerin eines Fitness-Studios in Prag ist. Selbst in ihrer Freizeit organisiert sie Wellness-Wochenenden in einem Skigebiet in Nordböhmen. Sie spricht Englisch, sogar etwas Deutsch und ist genauso alt wie ich. Das kann kein Zufall sein. Klara hat sich also vorher bei der Farbgebung der Armbänder Gedanken gemacht wer zu wem passen könnte.

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Ein Kennenlernspiel – „Finden Sie eine/n Linkshänder/in
Klara schlägt den Löffel wieder an ihr Glas. Es ist Zeit für die Tombola. Nun wird auch klar, warum jeder Visitenkarten dabei hat. Diese wurden zuvor in einen Sektkühler geworfen und eine Glücksfee zieht nun die Gewinner. Ein Fotograf hält die Szenen fest und nach Einwilligung der Gäste werden die Bilder im Internet später veröffentlicht. Bis auf wenige Ausnahmen hat niemand etwas dagegen. Tschechien ist halt nicht Deutschland, wo jeder Bürger panische Angst um seine Privatsphäre hat, aber gleichzeitig mehr staatliche Überwachung fordert.

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Etwas später am Abend gibt es noch ein Spiel. Es ist ein Fragebogen. Darauf stehen Anweisungen wie: „Finden Sie einen Gast, der Linkshänder ist.“ Oder „Finden Sie eine Person, die ein Haustier hat.“ Unweigerlich wechselt man die Partner, es bleibt nicht nur bei einer Frage, denn oft zieht die Antwort, dass man einen Hamster zu Hause beherberge, gleich ganze Diskussionen nach. So lernt man gleich mehrere Leute auf spielerische Weise kennen.

Fazit – Ein netter Abend und die Gewissheit…
Am Ende des Abends habe ich mit mehreren Leuten Telefonnummern und eMail-Adressen ausgetauscht. Man darf natürlich nicht erwarten, dass die große Liebe gleich dabei ist. Das sagt auch Klara Le Cornu. Deswegen rät sie zu einer Membership-Card für ein halbes Jahr. Das ist billiger, als jedes Mal den Einzeleintritt zu bezahlen, obwohl die Preise in Prag, verglichen mit den Online-Portalen der großen Anbieter in Deutschland, ohnehin günstig sind. Und was hat man im Gegensatz zu teuren Internetportalen an solch einem Abend alles gehabt? Das ist schnell gesagt: Ein Getränk, viele Leute kennengelernt, neue Kontakte geknüpft, die Tristesse der eigenen 4 Wände für ein paar Stunden überwunden, nette Spiele gehabt, mit Leuten gesprochen und potentielle Partner/innen kennengelernt und auch gleich „abgecheckt“, wie es so schön im 90er Jahre Jugenddeutsch noch hieß. Im Internet wäre man auch nach dem hundersten Chat-Eintrag nicht schlauer gewesen als vorher.

Website: http://singlesinprague.cz/
Facebook: https://www.facebook.com/groups/www.singlesinprague.cz/?fref=ts

Konstantin Kountouroyanis, 02.02.2017
(Reise- und Kulturjournalist)